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Das Geisterhaus     
January 25, 2009 von thomas, 2218 Wörter
Original veröffentlicht 8. November 2008

Es war ein trüber Montag Nachmittag, als sich die Clique vor dem alten Haus der Witwe Morte traf. Das Haus stand bereits seit einigen Jahren leer und so hatten sich neben dem dichten Efeu auch noch Mythen und Gespenstergeschichten um das Haus gerankt. Niemand wusste, was mit der Besitzerin geschehen war. Das Einzige, worüber absolute Sicherheit herrschte war, dass sie seit Jahren nicht mehr gesehen wurde.

Die Clique bestand aus drei Mädchen, vier Jungen, alle zwischen 12 und 15 Jahren alt. Die Aufnahme in die Clique verlangte nach einer Mutprobe, die von den Anderen bestimmt wurde. Diesmal war es der einstündige Aufenthalt in der Geistervilla, weshalb Tobi erleichtert war, denn er hatte auch von anderen Mutproben gehört, die böse endeten. Da war zum Beispiel der Vorfall, der damals auch in der Zeitung stand. Ein Jugendlicher versuchte vor einem herannahenden Zug über die Gleise zu springen und blieb mit einem Fuß hängen und stürzte. Es dauerte etwas, den blutigen Brei zu identifizieren und natürlich wusste niemand etwas über den Vorfall.

Tobi war es trotzdem nicht ganz geheuer, denn er kannte duzende Geschichten von Mord- und Totschlag. Vor Gespenster und Geister hatte er keine Angst, denn er wusste, dass solche Wesen irreal sind und nur in der Einbildung existieren können.

„Los jetzt, steh da nicht rum, wie angewurzelt!“, hetzte Markus.
    Eingeschüchtert schlich Tobi zur großen Metalltür, die den Weg zum großen Privatbesitz versperrte und rüttelte daran. Sie gab nicht nach, worauf er sich umdrehte und fragend die anderen anschaute.
     „Jetzt stell dich nicht an, wie ein kleines Kind. Kletter halt über das Tor!“, maulte Tanja.
     „Jaja, schon gut …“, murmelte Tobi und setzte zum Klettern an.
     Er wirkte unbeholfen und tolpatschig, als er sich an das Tor hing und versuchte mit den Füßen Halt zu finden. Schließlich schaffe er es doch hinüber. Die Clique fand es zum Schreien komisch, was sie auch mit lautem Gelächter ausdrückte.

Gedemütigt auf der anderen Seite angekommen, fühlte er sogleich ein starkes Gefühl von Unbehagen in ihm empor steigen, das er aber versuchte zu verdrängen, denn er wollte doch so gerne auch mal irgendwo dazu gehören und akzeptiert werden. und das war seine einzige Chance nicht immer nur der Außenseiter zu sein.
    Innerlich angespannt schlich er mit kurzen Schritten über den Kiesweg, der das Tor von der großen Eingangstür trennte. Vor ihm wuchs ein riesiges zweistöckiges, verwildertes Haus aus dem Boden. Es musste Platz für mindestens 50 Zimmer haben, dachte Tobi.
     Endlich an der Veranda angekommen, stieg er unsicher und angsterfüllt auf die knarzenden Stufen. Der Laut ähnelte einem Schrei, als wäre sie lebendig und der Druck des Fußes würde ihr Schmerzen zufügen. Vielleicht ist das Haus ja wirklich lebendig und es wird mich auffressen, dachte sich Tobi, der sich durch solche Gedanken immer weiter in Panik versetzte. Der pfeiffende kühle Wind verstärkte seinen Eindruck und ließ ihn sich in einem Horrorfilm wieder finden, der Realität entfremded, dem Geisterhaus ausgeliefert.
     Ein paar klagende Stufen später befand er sich vor der Tür, deren Scheibe eingeschlagen war. Er war sicher nicht der Erste, der sich Zutritt zu diesem finsteren Gemäuer verschaffen wollte. So konnte er wenigstens durch das Loch der Scheibe greifen und von innen die Türe öffnen. Zögernd steckte er die Hand durch das zerbrochene Glas, dessen Öffnung genau die Größe einer Faust hatte. Auf der anderen Seite spürte er etwas. Ein Windzug, der ihn erschreckte und ihn unkontrolliert die Hand zurück ziehen ließ, worauf er sich an den scharfen Kanten des Glases schnitt.
     Verdammter Mist, schmipfte er in Gedanken.
     Er verband sich die Hand mit einem Stofftaschentuch und hatte eigentlich schon genug von dem Haus, aber als er sich umdrehte, stand die Clique vor dem rostigen Tor. Sie lachten, zeigten mit den Fingern auf ihn und nannten ihn sicher einen Angsthasen, aber heute würde er ihnen beweisen, dass er kein Feigling war.
    Mutig und Entschlossen und die Monster auf der anderen Seite ignorierend, versuchte er es abermals den Türknopf zu erreichen. Ruhig und vorsichtig arbeitete er sich vorwärts, bis er schließlich den Knopf zu fassen bekam und daran drehte, worauf sich die Tür knarzend öffnete und den Weg frei gab.
     Vor ihm tat sich eine riesige Dunkelheit auf. Das Licht der Dämmerung wurde durch die mit Brettern vernagelten Fenster noch weiter abgeschwächt, was  eine gespenstische Atmosphäre entstehen ließ, die ihn zusätzlich mit Angst erfüllte.
     Seine Augen gewöhnten sich langsam an das Licht und ließen ihn Schemen von Möbeln erkennen. Das da musste ein Sofa sein, das andere ein Tisch, hier eine Wanduhr, dort drüben ein Bett und direkt geradeaus die Treppe in den ersten Stock. Eine Stunde  lang sollte er sich hier aufhalten und einen bestimmten Gegenstand aus dem ersten Stock holen, der von den anderen durch ein Fenster geworfen wurde. Das würde eine lange Stunde werden, denn es waren gerade einmal sieben Minuten vergangen.
    Plötzlich ein Schatten in seinem Augenwinkel. Er zuckte zusammen, drehte seinen Kopf, sah aber nichts weiter als das schwache Licht und die Schemen der Möbel. Vermutlich nur ein Streich, den ihm seine Sinne spielten – oder eine Ratte.
     Er tastete sich langsam Richtung Treppe, die mit zwei Totenkopf-Repliken verziert war. In Tobis Augen sahen sie wie echte Menschenköpfe aus. Abgetrennt und die Haut abgezogen von Witwe Morte, das Fleisch verarbeitet in einer saftigen Suppe, den Rest für den Hund und dann die Überreste als Trophäen auf das Geländer der Treppe genagelt.
     Tobi war klar, dass die Köpfe aus Plastik bestanden und sicherlich in China produziert wurden und wunderte sich über den Geschmack der Besitzerin. Der Grund, wieso diese Köpfe jetzt so echt aussahen, lag sicher nur an der Dunkelheit.
     Er schlich weiter die Treppe hinauf, bis er an einen langen Gang kam, an dem etliche Türen in etliche Zimmer führen. Die zweite Hälfte des Ganges, wurde von einem schweren Ledervorhang abgetrennt, den er hinter sich ließ. Vor ihm auf der linken Seite befand sich die Türe des Raums, hinter der sich der Gegenstand befinden musste. Sie war abgeschlossen. Aufbrechen, dachte er sich. Das Holz dieser Türe würde nicht so massiv sein und so bräuchte er nur mit dem Fuß ein Loch in die Türe zu treten, groß genug um hindurchzukriechen. Er legte sein ganzes Gewicht in den Fußtritt und … prallte ab. Die Türe gab nicht nach. Also nochmal und nochmal und nochmal. Die Trittgeräusche hallten durch das Hause wie die Schreie eines flehenden Kindes, das mit einem Prügel geschlagen wurden und darum bettelte, dass der Schmerz aufhören soll. Bitten und Flehen halfen nichts und schließlich gab die Tür mit einem lauten Bersten nach und er durchbrach die Tür. Ein plötzlicher und stechender Schmerz ließ ihn zusammen zucken und ihn das Gesicht verzerren, denn ein spitzer, großer Schiefer hatte sich in die rechte Wade gebohrt und verursachte furchtbare Schmerzen. Er zog sein Bein, so langsam, wie es irgendwie ging, aus dem Loch. Mit jeder Bewegung schmerzte es mehr und mehr und es trieb ihm die Tränen in die Augen. Die ganzen Idioten von der Clique verfluchend, die ihn dazu angetrieben hatten, betrachtete er sein rechtes Bein, das stark blutete. Was wollte er jetzt machen? Um Hilfe rufen? Ihm war es jetzt schon egal, ob ihn jemand für einen Feigling halten würde, er wollte nur noch raus aus diesem schrecklichen Ort, der ihn nicht nur körperlich sondern auch seelisch verletzt hatte.
     Ihm war klar, dass ihn niemand hören würde, wenn er jetzt um Hilfe rufen würde. Die einzige Möglichkeit war den Schiefer zu entfernen, der sich weit in das Fleisch gebohrt hatte. Mit einem kurzen und kräftigen Ruck sollte er am schnellsten zu entfernen sein, hatte er mal gehört. Aber kaum angefasst, wurde der Schmerz noch stärker. Mit zusammen gebissenen Zähnen ignorierte er ihn und ließ ihn nicht die Lage dominieren, in der er sich jetzt befand. Es musste sein und  so umfasste er den Schiefer und zog schreiend. Ein Schrei, der die Geister und Gespenster vertrieben hätte, wenn es welche gegeben hätte. Ein Schrei, der Tote aufwecken konnte und der in ein Wimmern und Weinen überging, nachdem er den mit Blut getränkten Schiefer in der Hand hielt. Hoffentlich konnte er das Bein so belasten, dass er es die Treppe hinunter und vor allem über das Tor schaffte.
     Tobi hatte die Nase mittlerweile gestrichen voll, aber er war doch so kurz vor dem Ziel und er musste nur noch durch diese Türe, dann hätte er es geschafft. Nur noch ein kleiner Schritt zu Ruhm und Anerkennung, dachte er sich, während er sich das Bein mit seinem Schal verband.
     Mit aller Kraft versuchte er das Loch zu weiten, bis es endlich groß genug war. Ein merkwürdiger Geruch, der ihm schon im ganzen Haus aufgefallen war, schlug ihm entgegen, viel intensiver als bisher. Er steckte den Kopf durch das Loch und sah das zerbrochene Fenster, durch das der Gegenstand, den er besorgen musste, geflogen war, aber wo war der Gegenstand selber?
     Als er endlich im Raum war und sich umdrehte fiel ihm plötzlich der Schlüssel auf, der sich im Schloss befand und mit Schrecken erkannte er, dass dieser Jemand, der die Türe von innen verschlossen hatte, noch in diesem Raum sein musste. Angsterfüllt drehte er sich um, drückte sich mit den Rücken an die Türe und suchte den Raum mit seinen Augen ab. Viel konnte er nicht erkennen, aber dort in der Ecke glaubte er eine Kontur erkennen zu können. Diesmal war es kein Streich seiner Sinne. Es war ganz sicher irgend etwas, das in der Ecke an die Wand gelehnt war. Es sah aus wie … wie … ein menschlicher Körper! Nur nicht bewegen, nur keinen Laut von sich geben und nur nicht Atmen, dachte er sich, panikerfüllt. Vielleicht war es ein schlafender Obdachloser.
     Tobi verharrte eine Ewigkeit, bevor er den Mut fand in die Richtung des Körpers zu schleichen. Anfassen wollte er die Person aber nicht, sie könnte aufwachen und vor lauter Schreck um sich schlagen und ihn verletzen.
     Von draußen hörte man ein Auto um die Kurve fahren, dass das Fernlicht nicht ausgeschaltet hatte und so drang Licht der Scheinwerfer für ein paar Sekunden in den Raum, worauf es von den Wänden und der Türe reflektiert wurde. Das reflektierte Licht entblößte einen schrecklichen Anblick des Todes. Vor ihm lag ein menschlicher Körper, dessen Fleisch sich stark zersetzte hatte und an manchen Stellen den nackten Schädelknochen freigab. Vom Gesicht war nicht mehr viel übrig. War das Witwe Mortem, die sich bei einem Überfall in das Zimmer eingeschlossen hatte und nicht mehr herauskommen wollte, vor lauter Angst?
    Tobi überlegte. Noch viel mehr Respekt, als der ursprüngliche Gegenstand, würde ihm etwas anderes einbringen.
     Der Tote lag dort schon seit Wochen und konnte sich nicht wehren, als Tobi mit einem Feuerzeug in die Ecke leuchtete und sich überlegte, was er für einen Beweis mitnehmen würde. Es musste schon was sehr persönliches sein wie ... ein Körperteil. Er zog sein Taschenmesser raus und fing an den rechten Mittelfinger der toten Hand abzutrennen. Gallertartige Masse schmierte sich an Tobis Taschenmesser, während das verweste Fleisch schlürfende Geräusche von sich gab, als er die Reste von Sehnen, Muskeln und Blutgefäßen durchschnitt. Der Geruch sorgte für ein unüberwindbares Ekelgefühl, das mit einem intensiven Brechreiz einher ging, den er mit Mühe und Not versuchte zu unterdrücken. Nur noch ein paar Momente, dann hatte er ihn. Er wickelte ihn in ein weiteres Stofftaschentuch, steckte seine Trophäe in die Tasche und verließ den Raum.

Humpelnd durchquerte er den Gang und passierte abermals den Ledervorhang, den er schon zuvor gesehen hatte. Ein seltsamer Vorhang, der die Form von einem Schaffell, aber ohne Fell und ungefähr Menschengröße hatte. Verwundert drehte er sich nochmals um zündete sein Feuerzeug, das einen flackernden gelblichen Schein auf den Vorhang warf. Ein gut gemachtes Lederimitat, dachte er sich, bis ihm eine Markierung auffiel. Sie war nicht leicht zu erkennen, da es ziemlich dunkel war. Die Form erkannte er aber, nachdem er das Feuerzeug etwas näher an die Markierung hielt. Es war … es sah aus … das konnte nicht sein. Es sah aus wie eine kleine tätowierte Blume. Als sich Tobi noch fragte, wieso der Besitzer dieses Leders es tätowiert hatte, erkannte er die grausame Wahrheit. Das war kein Imitat, das war die Haut eines Menschens, der enthäutet und aufgehängt wurde. Was für eine unglaubliche Grausamkeit war hier geschehen? Das Blut gefror ihm in seinen Adern und er humpelte so schnell wie irgendwie möglich zur Treppe und sie hinab. Am Ende der Treppe erwarteten ihn wieder die grinsenden Totenköpfe, die ihn auslachten, weil er so naiv gewesen war, die Realität zu ignorieren. Einer von ihnen hatte einen Sprung am Hinterkopf und bei genauerem Hinsehen, sahen sich die beiden Köpfe überhaupt nicht ähnlich. Echte Köpfe, schoss es ihm durch den Kopf. Jetzt plötzlich erkannte er, was an der Leiche oben nicht stimmte. Es konnte nicht Witwe Morte sein, da sie Männerkleidung trug und Witwe Morte war auch schon seit Jahren nicht mehr gesehen worden und die Leiche war höchstens ein paar Wochen alt.

Ein scharfer Schnitt. Tobi fasste sich instinktiv mit der Hand an seinen Hals und fühlte eine warme, klebrige Flüssigkeit. Er brach zusammen und lag röchelnd auf dem Boden. Ihm hatte jemand die Kehle durchgeschnitten. Ein Schatten packte ihn an die Füße und zog ihn über den Holzboden, der ihm unzählige kleine Schiefer in die Haut trieb und zusätzliche Schmerzen verursachte und immer und immer wieder schlug sein Kopf hart auf die Stufen der Treppe auf, bis es ihm schwarz vor Augen wurde ...

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